Wildtiere

Warum singt die Nachtigall nachts?

4. Mai 2017
Singende Nachtigall

Es ist Anfang Mai und gestern um drei Uhr morgens musste ich meinen Hund zum Pieseln in den Garten lassen. Es wehte kein Lüftchen, der Himmel war klar und die Nacht totenstill. Da stand ich mit meinem flüchtig übergeworfenen Morgenmantel und wartete, dass Ferdinand endlich einen passenden Grasbüschel für sein kleines Geschäft findet. Plötzlich schmetterte aus dem Baum am Gartenzaun ein Vogelschlag, der so laut und klar war, dass Ferdi glatt vergaß, warum er zu so unmenschlicher Stunde das Rasengrün aufsuchen wollte. Ich sprang flugs ins Haus und holte mein Handy, um diese meisterhaften Strophen aufzunehmen. Eins war mir klar: Es musste eine Nachtigall sein, denn das sind die einzigen Vögel, die nachts singen.

 

Die Nachtigall ist ein Zugvogel – sie kehrt Anfang April aus Afrika in ihre europäischen Brutgebiete zurück. Die Männchen sind ein paar Tage früher dran, besetzen schon einmal ein Revier und erwarten die weibliche Reisewelle. Doch wie finden die Männchen nun ihre zukünftige Partnerin? Im Gegensatz zu den Glühwürmchen, die es mit optischen Reizen versuchen, setzen Nachtigall-Männchen auf ihre Stimme.

Hund bei Nacht

Ich habe es genau gehört: Da oben muss die Nachtigall sitzen!

Die Virtuosen unter den europäischen Singvögeln

Ab 23 Uhr bis in die Morgendämmerung singen die Junggesellen ihre bis zu 260 unterschiedlichen Strophentypen. Das extrem umfangreiche Repertoire ist damit unter den europäischen Singvögeln fast einzigartig. Der Schwerpunkt des Gesangs liegt zwischen zwei und vier Uhr. Denn das ist der Zeitraum, in dem sich die Weibchen auf die Suche nach ihrem Zukünftigen machen. Der Grund, warum Nachtigall-Männchen nachts singen, dürfte also der sein, dass die Damen das so wünschen. Eigentlich eine nachvollziehbare Strategie, denn tagsüber würde sich der eigene virtuose Vortrag mit dem, aus Sicht der Nachtigall, minderbemittelten Gezwitscher aller anderen Vögel vermischen.

Nachts gehört die Bühne ihnen alleine, abgesehen von dem gelegentlichen rhythmischen Huh-Huh einer Eule im Background. Und das nutzen die melodischen Koryphäen als gäbe es kein Morgen – innerhalb einer Stunde kann das Männchen 400 Strophen nacheinander intonieren. Wer allerdings keinen Bock auf Nachtschicht hat, kommt bei der Damenwelt eben nicht zum Zug.

Vollmond

Nachts zwischen zwei und vier Uhr singen die Nachtigall-Männchen am intensivsten. Sie schaffen bis zu 400 Strophen pro Stunde.

Bote des Frühlings und Symbol der Liebe

Die Nachtigall gilt als Bote des Frühlings, als Vogel des Monats Mai und insbesondere als Symbol der Liebe. Ihr Gesang sei „so ausgezeichnet eigen, es herrscht darin eine so angenehme Abwechslung und eine so hinreißende Harmonie, wie wir sie in keinem anderen Vogelgesange wiederfinden“, heißt es in der „Naturgeschichte der Vögel Deutschlands“.

„Sein kompositorischer Reichtum, der süße Schmelz seiner Stimme, die einmal wehmütig klagend, dann wieder strahlend und silberhell erklingt und sich mit Läufern und Trillern zum schluchzenden Crescendo steigert, seine Variabilität mit dem dramatischen Kontrast ziehen selbst unmusikalische Menschen in seinen Bann“, schreibt Vitus B. Dröscher im Jahre 1984.

Musikalische Menschen berührt der Gesang natürlich noch viel mehr. So haben sich berühmte Komponisten von den Melodien inspirieren lassen und in ihren Werken nachempfunden: Ludwig van Beethoven etwa in seiner 6. Sinfonie, Johann Strauß in der „Nachtigallen-Polka“ und Igor Strawinsky im „Lied der Nachtigall“.

Beethoven Noten

Berühmte Komponisten ließen sich von den Melodien der Nachtigall inspirieren.

Trainingslager im afrikanischen Busch

Interessanterweise ist der Nachtigall ihr Gesangstalent nicht ins Nest gelegt, sondern sie muss es erst erlernen. Valentin Amrhein und sein Team sind Biologen der Universität Basel. Sie erforschten, dass die jungen Nachtigall-Männchen in ihrem Winterquartier im afrikanischen Busch das Singen üben, eine Art Trainingslager für den Ernstfall. Wer will sich im Frühjahr vor den Damen schon blamieren?

Die meisten der zwei bis vier Sekunden langen Strophen beginnen mit leisen Anfangstönen, die häufig den Gesang einer anderen Vogelart imitieren. Darauf folgen laute, rhythmisch wiederholte Silben, die klangvoll, aber auch schnarrend oder ratternd klingen können und als „Nachtigallenschlag“ bekannt sind.

Elefant

Wenn die jungen Nachtigall-Männchen in Afrika das Singen üben, ergreift manch Alteingesessener die Flucht.

Schnarren und Trillern verrät das Alter

Gerade diese etwa alle fünf Minuten wiederkehrenden Schnarrpassagen sind für die Mädels von Bedeutung, denn sie lassen Rückschlüsse zu auf Alter, Gewicht und Gesundheitszustand des Sängers. Verhaltensbiologen der Freien Universität Berlin um Michael Weiß haben mit Playback-Experimenten den Einfluss dieser „Buzz-Strophen“ untersucht und festgestellt, dass ausschließlich die Weibchen mit Hüpfen und verstärktem Schwanzwippen darauf reagierten.

Über den Triller kann die Nachtigall-Dame ihre erste Einschätzung noch einmal verifizieren: Ältere und erfahrenere Männchen können schnellere und schwierigere Triller als Jungvögel singen. Ältere Männchen sind meist erfolgreicher in der Fortpflanzung und üben deshalb einen größeren Reiz auf die Weibchen aus. Der Triller liefert einem Weibchen also wichtige Hinweise auf die Vaterqualitäten eines potenziellen Partners, folgern Valentin Amrhein und seine Kollegen. Das Nachtigall-Weibchen steht also auf ältere, erfahrene Männer.

Sobald das Männchen eine Partnerin abbekommen hat, stellt es die nächtliche Feilbietung seiner Sangeskunst ein. Um das Brutrevier gegenüber Artgenossen zu verteidigen, konzentriert es sich stattdessen bis Mitte Juni auf laute Strophen speziell in der Morgendämmerung, aber auch tagsüber.

Nachtigall am Nest

Die Nachtigall benötigt eine Bodenschicht aus verrottendem Laub und einen dichten Unterwuchs. In diesem Fall hat sie es sich im unteren Bereich einer Tanne bequem gemacht.

Ohne Unterwuchs kein Nachwuchs

Die Nachtigall brütet versteckt auf dem Boden oder knapp darüber in der Krautschicht. Besonders beliebt sind Brennnesseln, in die der unscheinbare Vogel sein napfförmiges Nest baut. Männchen wie Weibchen sind bräunlich gefärbt, die Unterseite ist hellgrau. Die Nachtigall bewegt sich am Boden hüpfend fort, ähnlich einem Rotkehlchen. Der Schwanz wird häufig angehoben getragen und immer wieder langsam auf und ab bewegt.

Weil sie zum Nestbau und zur Nahrungssuche viel Laub auf dem Boden und Stellen mit krautigem bis strauchartigem Bewuchs benötigt, hört man den Nachtigallenschlag hauptsächlich in lichten Laubwäldern, Auwäldern, an Waldrändern, aber auch in Parks, Friedhöfen und naturbelassenen Gärten. Leider kommt sie mit unserem Ordnungswahn nicht gut zurecht. Wo alle Blätter sorgsam zusammengerecht werden, jedes Unkraut herausgerissen und ihre Nachtserenade womöglich noch als Ruhestörung betrachtet wird, fühlt sie sich nicht willkommen.

Ich jedenfalls bin stolz auf „meine“ Nachtigall im Garten … und habe eine gute Ausrede, wenn ich das Herbstlaub mal wieder nicht beiseite geschafft habe.

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2 Kommentare

  • Antworten Lali 6. Mai 2017 um 22:07

    Ein wunderbarer Beitrag – gerade vor 2 Tagen hörte ich auch den Gesang einer Nachtigall in einer unchristlichen Stunde 🙂 Das Foto vom schönen Ferdinand hat mich auch sehr entzückt. Danke dir!

    • Antworten waldbret 7. Mai 2017 um 5:45

      Vielen Dank! Ja, der Gesang der Nachtigall ist wirklich toll. Inzwischen fallen mir ihre markanten Strophen auch tagsüber viel mehr auf zwischen all den anderen Vogelstimmen

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