Lebensraum

Pilze sammeln: wie verhalte ich mich richtig im Wald

15. September 2017
Pilze im Wald

Jetzt ist sie wieder da – die Schwammerlzeit. Wie jedes Jahr ziehen im Spätsommer die Freunde des erdigen Geschmacks mit ihren Körben los in den Wald. Ziel der Begierde sind die überirdischen Fruchtkörper der prominenten Destruenten. „Kann man den essen?“, ist wohl die meistgestellte Frage im Zusammenhang mit Pilzen. Dabei ist die Unterscheidung in essbar, genießbar und giftig nur für uns Menschen relevant – bei den Tieren, die daran knabbern, gehen die Geschmäcker schon weit auseinander.

Lange stritten sich die Wissenschaftler darüber, mit was für Wesen sie es zu tun haben. Pflanzen oder doch Tiere? Die Zellwände von Pilzen bestehen aus Chitin, wie bei den Insekten. Sie besitzen kein Chlorophyll und können deshalb auch keine Photosynthese betreiben. Ergebnis der Forschung war, dass Pilze ein eigenes Reich mit dem Namen Fungi bekamen, jedem geläufig von der gleichnamigen Pizza.

Pilzpfanne

Einfach lecker: eine herbstliche Pilzpfanne

In Maßen gesund, aber schwer verdaulich

Pilze sind nicht nur lecker, sondern auch gesund. Gerade für die angesagte Low-carb-Ernährung eignen sie sich durch ihren geringen Fett- und Kohlenhydratanteil sehr gut. Sie bestehen zu 90 % aus Wasser und enthalten wichtige Mineralstoffe wie Kalzium und Magnesium sowie Spurenelemente wie Zink, Mangan und Selen. Aufgrund ihres unverdaulichen Chitin-Gehalts liegen sie jedoch oft schwer im Magen. Und es gibt noch einen Haken: Pilze reichern gesundheitsschädliche Schwermetalle wie Blei, Cadmium oder Quecksilber an. Über 30 Jahre nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl sind viele Pilze in Süddeutschland immer noch mit dem radioaktiven Cäsium belastet. Ein übermäßiger Genuss ist also nicht zu empfehlen.

Wichtige Rolle im Ökosystem Wald

Ihre Eigenschaft als Lebensmittel erscheint sowieso völlig belanglos, wenn man die wichtige Funktion der Pilze im Ökosystem Wald betrachtet. Sie sind zu Höherem in tieferen Schichten berufen. Damit meine ich nicht den Teil, der da auf dem Waldboden steht und gemeinhin als Pilz bezeichnet wird. Das ist nur ein kurzzeitig erscheinender, vergänglicher Fruchtkörper, der Sporen zur Fortpflanzung produziert. Ich meine das „Mutterschiff“, das noch ein Stockwerk tiefer lebt: Dort, unter der Erde, übernehmen kilometerlange Hyphen, das Mycel, eine ganz elementare Aufgabe. Ohne es könnten die Bäume kaum wachsen und der Wald würde in seinem eigenen Abfall ersticken. Man unterscheidet bei den Pilzen drei verschiedene Lebensweisen:

  1. die Symbionten oder Mykorhizzapilze
  2. die Saprobionten oder Zersetzer
  3. die Parasiten oder Schmarotzer
Pilz unter Douglasie

Mykorhizzapilze kooperieren mit Bäumen: eine Win-win-Situation.

Mykorhizza – die Teamplayer

Die Mykorhizzapilze setzen auf ein Zusammenspiel mit den Bäumen. Sie bilden einen Mantel um die Wurzelspitzen der Bäume und beliefern diese mit Wasser und Mineralstoffen. Mit ihrem feinen Geflecht können die Pilze den Boden viel besser erschließen als die groben Pflanzenwurzeln. Als Gegenleistung bekommt der Pilz zuckerhaltige Verbindungen vom Baum, die er zum Aufbau seiner Zellen benötigt, aber mangels Photosynthese nicht selbst produzieren kann. Zu den Mykorrhizzapilzen gehören viele der beliebten Speisepilze, wie zum Beispiel der Pfifferling, aber auch die giftigen Knollenblätterpilze.

Zersetzer – back to the roots

Die Zersetzer ernähren sich von totem organischem Material wie der Laubstreu oder Holzresten. Daraus produzieren sie Humus, womit sie die Nährstoffe dem Wald in aufgearbeiteter Form wieder zur Verfügung stellen. Zu ihnen zählen viele Zuchtpilzarten wie der Champignon sowie Großschirmpilze wie der Parasol oder der Safranschirmling.

Schmarotzer – auf Kosten der anderen

Die Schmarotzer befallen noch lebende Organismen und schädigen sie oft derart, dass sie absterben. Aufgrund eines solchen „Waldsterbens“ wurde man im Malheur National Forest im US-Bundesstaat Oregon auf einen Hallimasch aufmerksam, der alle Rekorde bricht: Dieser eine Pilz wächst dort seit 2400 Jahren und erstreckt sich zwischenzeitlich auf neun Quadratkilometern Fläche. Damit ist er der größte bekannte lebende Pilz und zugleich das größte Lebewesen der Welt! Sein Gewicht wird auf etwa 600 Tonnen geschätzt. Also nichts mehr für den Pilzkorb.

Zunderschwamm

Der Zunderschwamm befällt geschwächte Rotbuchen und kann auch am abgestorbenen Stamm noch längere Zeit als Saprobiont weiterleben.

Welche Pilze darf man sammeln?

Mit dem Sammeln ist das sowieso so eine Sache. Denn in der Anlage 1 zu §1 Bundesartenschutzverordnung (BArtSchV) findet man eine Liste der geschützten Pilzarten, die grundsätzlich unter Schutz stehen und nicht gepflückt werden dürften:

  • Schaf-Porling, Semmel-Porlinge
  • Kaiserling
  • Weißer & Gelber Bronze-Röhrling
  • Steinpilz
  • Sommer-Röhrling
  • Echter Königs-Röhrling
  • Blauender Königs-Röhrling
  • Pfifferlinge
  • Schweinsohr
  • Erlen-Grübling
  • Saftlinge
  • März-Schneckling
  • Brätling
  • Birkenpilze und Rotkappen
  • Morcheln
  • Grünling
  • Trüffel

Jetzt denken Sie sicher: „Verdammt, da sind ja auch meine Lieblingspilze dabei!“ Keine Sorge, die Bundesartenschutzverordnung liefert gleich im nächsten Paragrafen die Ausnahmeregelung. Fast alle wichtigen heimischen Arten dürfen „in geringen Mengen für den eigenen Bedarf“ gesammelt werden:

  • Steinpilz
  • Pfifferling – alle heimischen Arten
  • Schweinsohr
  • Brätling
  • Birkenpilz und Rotkappe – alle heimischen Arten
  • Morchel – alle heimischen Arten
Pilzkorb

Hier waren wohl mehrere Pilzsammler am Werk. Pro Person und Tag sind 2 kg erlaubt.

Was bedeutet „geringe Menge“?

Geringe Menge bedeutet maximal 2 kg pro Tag und Pilzsucher. Angesichts der metallischen Belastung sollte man das aber besser nicht ausreizen. Für manchen mag es übrigens überraschend sein, dass Trüffel und Röhrlinge nicht zu den Ausnahmen gehören. Diese müssen also im Wald bleiben – sollte man einen zu Gesicht bekommen.

Trotz aller rechtlicher Vorschriften und ärztlicher Ratschläge gehört das Schwammerlsuchen zu den Lieblingsbeschäftigungen im Herbst. Ich glaube, es sind gar nicht die Pilze per se, die so viele Menschen zum Sammeln in den Wald treiben. Ich glaube, es ist der Reiz, die Beute zu suchen, zu finden und nach erfolgreichem „Erlegen“ mit nach Hause zu nehmen. Ähnlich wie bei der Jagd. Deshalb werden die Begriffe Jäger und Sammler wahrscheinlich auch oft in einem Atemzug genannt.

Parasolpilz

Der Schirm des Parasolpilzes kann bis zu 30 cm groß werden und lässt sich wie ein paniertes Schnitzel zubereiten.

Pilzecken – streng geheim

Die meisten Pilzsammler, die ich kenne, haben „ihr“ Geheimeck. Der Opa meiner Frau beispielsweise ist immer früh morgens in den Schwarzwald gezogen, um am Abend mit einem großen Korb voller Pfifferlinge heimzukehren. Auf die Frage, wo er die denn alle gefunden habe, waren seine Lippen versiegelt. Ich kann mir bildhaft vorstellen, wie er extra Umwege gegangen ist, um etwaige Verfolger oder Neugierige abzuschütteln. Wahrscheinlich ist er deswegen schon in der frühen Morgendämmerung losgezogen, damit niemand sieht, an welcher Stelle er sich vom Hauptweg ab in die Büsche schlug.

Mann sammelt Pilze im Wald

Irgendwo wird er den Weg verlassen und sich in die Büsche schlagen. Dann sollte er einige Punkte beachten.

Aus Sicht der Waldbewohner

Betrachten wir es aber doch mal aus Sicht der Wildtiere – diejenigen, die genau in diesen „Büschen“, sprich Dickungen, leben. Jetzt schleicht also der Opa in der Morgendämmerung möglichst leise dorthin. Was geschieht nun? Die Tiere werden aufgeschreckt und flüchten panisch davon. Jede Flucht verbraucht Energie. So wie ein Leistungssportler nach einem Sprint zusätzliche Kohlenhydrate benötigt, so muss auch das Wild seinen Kreislauf auf Hochtouren bringen. Und was der Energieriegel des Sportlers ist, sind die zarten Knospen junger Bäumchen für das Reh. Für den Förster der Supergau: Gerade die bei Rehen beliebtesten Pflänzchen sind die wichtigsten Baumarten für einen widerstandsfähigen Wald in Zeiten des Klimawandels.

Pilzsammler

Sich in normaler Lautstärke zu unterhalten, erschreckt das Wild weniger als der (vergebliche) Versuch es nicht zu stören.

Wie verhalte ich mich richtig im Wald?

Für viele macht das Pilzesuchen erst zu mehreren richtig Spaß. Ein Erfolgserlebnis für die ganze Familie. Manche meinen es dabei gut und versuchen die Tiere im Wald nicht zu stören. Sie flüstern dann und versuchen möglichst leise durch die Dickungen zu schleichen. Das ist aber genau verkehrt! Wild fühlt sich sicherer, wenn es Gefahren frühzeitig erkennen kann und Zeit hat, sich zurückzuziehen. Dafür muss dann auch weniger Energie aufgebracht werden als für einen 100-m-Sprint.

Das bedeutet für eine Gruppe von Pilzsammlern: Normal laut unterhalten, damit das Wild den Menschen kommen hört – und wieder gehen. Wenn Sie alleine unterwegs sind, führen Sie ein Selbstgespräch! Im Wald merkt das keiner und manchmal hilft es, Dinge einmal offen anzusprechen. Der Wald war schon immer ein guter Seelendoktor. Er lauscht und schweigt.

Besonders sensibel reagiert Wild bei freilaufenden Hunden. Geht man mit einem Hund auf dem Weg spazieren, bleibt der Vierbeiner in der Regel dort und wird dadurch für das Wild berechenbar. Ein Hund abseits der Wege nimmt aber instinktiv die Fährten von Reh & Co auf und folgt diesen – oft unbemerkt vom Hundeführer, weil der gerade mit der Pilzernte beschäftigt ist. Auf freilaufende Hunde, besonders wenn diese nicht spurlaut sind – das heißt nicht anhaltend bellen, sobald sie eine Spur verfolgen –, reagiert Wild panisch.

Pilze sammeln

Pilze sollen nicht ausgegraben sondern mit einem Messer abgeschnitten werden.

15 Tipps für den Pilzfreund

  1. Nur Pilze mitnehmen, die man kennt. Beim geringsten Zweifel stehen lassen.
  2. Aktuelle Bestimmungsbücher oder eine App verwenden. Antiquarische Bücher können überholt sein.
  3. Schnecken- oder Madenfraß bedeuten nicht, dass der Pilz ungiftig ist.
  4. Pilze mit dem Messer abschneiden, nicht ausgraben.
  5. Mit einem Pinsel schon im Wald grob vorreinigen.
  6. Giftige Pilze niemals umtreten, auch diese sind für den Wald wichtig.
  7. Nicht mehr Pilze mitnehmen, als benötigt werden.
  8. Nicht in Dickungen gehen, weil diese das Rückzugsgebiet des Wildes sind.
  9. Normal laut unterhalten, damit das Wild den „Querwaldeingänger“ frühzeitig bemerkt.
  10. Hunde nur an der Leine mitnehmen.
  11. Signalfarbene Kleidung tragen, um Verwechslungen vorzubeugen: Pilzzeit ist auch Jagdzeit.
  12. Keine fauligen Pilze mitnehmen, diese können zu Vergiftungen führen.
  13. Zuhause möglichst bald verarbeiten. Wenig Wasser einsetzen, damit sich die Pilze nicht vollsaugen.
  14. In Naturschutzgebieten und Nationalparks ist das Sammeln verboten.
  15. Vorsichtig sein, das Betreten des Waldes geschieht immer auf eigene Gefahr.

Ach, bevor ich es vergesse: Besonders lecker schmecken Pilze zu einem Wildgericht 😋🍴🍄🍗

Rehmedaillons mit Pfifferlingen, Preiselbeeren

Rehmedaillons mit Pfifferlingen, Broccoli, Birne und Preiselbeeren.

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1 Kommentar

  • Antworten Fette Henne Pilzpfanne 3. Oktober 2016 um 14:19

    […] einfach aus der Natur. Beim Pilzesammeln muss man aber etwas achtsam sein, Simon von Waldbret hat hier eine gute […]

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