Wildtiere

Krötenwanderung: die Karawane zieht los ins Amphitheater

17. März 2017
Kröten mit Tennisball

Der große Ansturm steht kurz bevor – dann erfolgt der Kröten-Run auf die Laichgewässer. „Run“ ist sicher das falsche Wort, es ist wohl eher eine gemächliche Karawane, die ihrem eingebauten Kompass folgt. Dieser weist den Weg zum Heimat-Gewässer, an dem sie selbst geboren wurden. Leider berechnet dieses Navi nicht den sichersten Weg, sondern nur den kürzesten.

Krötenwanderung

Der Blick in eine ungewisse Zukunft: Auch dieses Jahr liegt wieder ein gefährlicher Weg vor dieser Kröte

Auf dem Weg zum Laichen pflastern Leichen den Asphalt

Da unsere Natur überall von Straßen durchschnitten wird, lauert bei deren Überquerung die größte Gefahr. Denn in ihrer gemächlichen Art kann es eine Viertelstunde dauern, bis die Kröte den Asphalt passiert hat. Erfasst sie das Scheinwerferlicht eines Autos, bleibt sie still sitzen, um zu warten, bis die Gefahr vorüber ist. Eine fatale Strategie: denn das Auto muss die Kröte gar nicht mit dem Reifen treffen, schon der Unterdruck des über die Kröte hinwegfahrenden Autos reicht aus, um die inneren Organe zu zerfetzen.

Krötenwanderung

Schon der Sog eines vorbeifahrenden Autos reicht aus, um die inneren Organe zu zerreißen.

Alles ab 50 km/h ist tödlich

Nach Untersuchungen von Professor Dietrich Hummel vom Institut für Strömungsmechanik der TU Braunschweig entsteht dieser tödliche Strömungsdruck schon bei einer Fahrtgeschwindigkeit von 50 km/h. Es hilft also nichts, die Kröte zwischen die Reifen zu nehmen – außer man fährt maximal Tempo 30, dann würde nämlich nichts passieren. Aber trotz Warnschildern an den unter Kröten, Fröschen und Molchen beliebtesten Straßenabschnitten fährt fast kein Auto so langsam.

Glücklicherweise werden die Tiere an diesen Stellen oft mit Krötenzäunen in Eimer gelenkt und dann von Naturschützern auf der gegenüberliegenden Straßenseite wieder ausgesetzt. Wo die Kasse der Straßenbaulastträger dies erlaubt, werden alternativ Amphibientunnel gebaut, die auch gerne von anderen Tierarten zur gefahrlosen Unterquerung der Straße genutzt werden.

Krötenzaun

Zäune am Straßenrand lenken die Amphibien in eingegrabene Eimer, die regelmäßig von Naturschützern über die Straße getragen und entleert werden.

Ziel ist der sichere Heimathafen

Dazu kommt, dass das wanderfreudige Amphibienvolk gerne in der Dunkelheit unterwegs ist und deshalb von Autofahrern schlecht gesehen wird. Sie wählen die Nacht als Reisezeit, weil dann die Luftfeuchtigkeit höher ist und die empfindliche Haut nicht austrocknet. Aber warum machen sie sich die Mühe, bis zu fünf Kilometer weit zu wandern, mit all den Gefahren, die unterwegs auf sie lauern? Es liegt doch oft ein anderer Waldtümpel viel näher? Man vermutet den Grund darin, dass sie im elterlichen Teich ja selbst überlebt haben, das Gewässer der eigenen Fortpflanzung also ebenso wohlgesonnen sein dürfte.

Schild Krötenwanderung

Kröten lassen sogar einen nahen Waldtümpel links liegen, wenn sie dort nicht geboren wurden.

Der Frau voll ins Kreuz gesprungen

Der Begriff „Krötenwanderung“ stimmt übrigens wirklich, denn die Angehörigen der Großfamilie Bufonidae gehen meistens auf allen Vieren voran, im Gegensatz zu Fröschen, die hüpfen. Die Krötenweibchen schleppen die Männchen dabei oft gleich Huckepack mit. Dass wir uns nicht falsch verstehen – die zierlicheren Männchen werden vom Vollweib nicht dazu gezwungen – sie selbst sind es, die sich per Anhalter einfach hinten aufschwingen. Ganz nach dem Motto: Was man hat, das hat man. Denn wer weiß, wie viele anderen Männchen am Teich bereits auf die holden Damen warten, deshalb besser gleich schon mal den Besitz beanspruchen.

Krötenwanderung

Das kleinere Männchen nutzt das korpulente Weibchen als Taxi zum Laichgewässer. Bezahlt wird mit Sperma.

Es wird geklammert und getreten was das Zeug hält

Dummerweise sattelt sich manchmal noch ein weiteres Männchen oben auf. Der Erstbesetzer versucht ihn zwar mit kräftigen Tritten davon abzuhalten, das gelingt aber nicht immer. Egal, ob zu zweit oder zu dritt – mehr als 600 Meter pro Tag sind so nicht drin. Was tut man als Krötenweibchen nicht alles für die nächste Generation! Im Eifer des Gefechts kann es auch vorkommen, dass sich ein Männchen an ein anderes Männchen klammert, welches dann mit quakenden Lauten auf den Irrtum hinweist. Denn wenn alle den Jockey spielen wollen, kommt ja keiner von beiden voran. Ist kein feminines Kröten-Taxi zur Stelle, müssen die beiden Junggesellen eben selbst loswatscheln zum Wasserbett.

Krötenwanderung

Kröten haben schwächere Hinterbeine als Frösche und hüpfen deshalb nur selten. Sie krabbeln auf allen Vieren.

Alle wollen der Kröte ans schrumpelige Leder

Auch Abseits der Straßen ist der Weg zum Laichgewässer gefährlich. Marder, Iltis, Dachs, Fuchs, Waschbär – alle wollen der Kröte ans schrumpelige Leder. Da helfen meist auch die giftigen Drüsensekrete nichts. Diese dienen eher zum Schutz der Haut vor Mikroorganismen. Kann man ja nachvollziehen: Wer die ganze Zeit im feuchten Keller lebt, hat irgendwann mit aufsteigendem Schimmel zu kämpfen.

Welcher Krötendame auf dem Hinweg noch kein Klammeraffe auf den Leib gerückt ist, und deshalb nicht als auffälliger Doppeldecker unterwegs ist, schafft es vielleicht eher zum großen Teich – und wird spätestens dort bei der Partnersuche fündig. Dann ist es endlich geschafft: Ab mit dem Laich in den Teich, das Männchen befruchtet ihn noch schnell und nach kurzer Zeit schlüpfen die Kaulquappen – an der selben Stelle, wo vielleicht schon ihre Urururgroßeltern das Licht der Welt erblickten.

Kröte im Wasser

Geschafft: Jetzt erstmal in der Sonne relaxen.

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